Buch Tipp: Die Katze von Joy Fielding
- von Anne Rose
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Joy Fielding gehört zu den Autorinnen, bei denen man ziemlich genau weiß, was man bekommen möchte: psychologische Spannung, Figuren mit Geheimnissen und irgendwann diesen Moment, an dem man niemandem mehr so richtig traut. „Die Katze“ macht da keine Ausnahme. Der Thriller startet eher ruhig, entwickelt aber zunehmend einen unangenehmen Sog – und gerade das macht das Buch für uns so spannend.
Eine Journalistin bekommt ein ziemlich gefährliches Angebot
Charlotte „Charley“ Webb ist 30 Jahre alt, alleinerziehende Mutter und schreibt als Kolumnistin für die Palm Beach Post. Mit ihren Texten polarisiert sie regelmäßig und ist durchaus daran gewöhnt, dass Leser nicht immer freundlich auf ihre Meinung reagieren.
Doch irgendwann bleibt es nicht mehr bei harmloser Kritik. Charley bekommt Nachrichten, die zunehmend bedrohlich werden – und plötzlich geraten auch ihre Kinder ins Visier.
Fast gleichzeitig erhält sie ein Angebot, das für eine Journalistin eigentlich kaum abzulehnen ist: Jill Rohmer, eine zum Tode verurteilte Mörderin, möchte ausgerechnet Charley ihre Geschichte erzählen.
Das Buch beginnt langsam – und das funktioniert
Wer bei „Die Katze“ von der ersten Seite an Mord, Verfolgungsjagden und einen Cliffhanger nach dem anderen erwartet, könnte zunächst etwas ungeduldig werden.
Joy Fielding lässt sich Zeit. Wir lernen Charley, ihre Kinder, ihre Familie und ihr Umfeld kennen. Dabei entsteht zunächst eher ein psychologisches Drama als ein klassischer Thriller.
Uns hat das allerdings nicht gestört. Im Gegenteil: Gerade weil man Charley immer besser kennenlernt, funktionieren die späteren Bedrohungen deutlich besser.
Charley ist keine perfekte Hauptfigur
Besonders gut gefällt uns, dass Charley nicht unbedingt die typische sympathische Thriller-Heldin ist.
Sie kann selbstbewusst, schlagfertig und ziemlich provokant sein. Gleichzeitig macht sie Fehler und trifft Entscheidungen, bei denen man als Leser durchaus denkt: Warum machst du das jetzt?
Genau dadurch wirkt sie aber menschlich. Man muss nicht jede ihrer Entscheidungen mögen, um wissen zu wollen, wie sie aus der Situation wieder herauskommt.
Das eigentlich Spannende passiert im Kopf
Die Stärke von „Die Katze“ liegt weniger in brutalen Szenen als in der Unsicherheit, die Joy Fielding langsam aufbaut.
Wer sagt die Wahrheit? Wer verfolgt eigene Interessen? Wem kann Charley vertrauen? Und was steckt tatsächlich hinter den Drohungen?
Je weiter man liest, desto häufiger beginnt man, die Figuren neu einzuschätzen. Genau dieses Misstrauen ist für uns der stärkste Teil des Romans.
Jill Rohmer sorgt für die unangenehmsten Momente
Besonders interessant sind natürlich die Begegnungen mit Jill Rohmer.
Die verurteilte Mörderin möchte ihre Geschichte erzählen und Charley bekommt dadurch Zugang zu einer Frau, von der sie eigentlich möglichst großen Abstand halten sollte.
Fielding spielt dabei geschickt mit der Faszination, die von solchen Personen ausgehen kann. Charley weiß, mit wem sie es zu tun hat – und lässt sich trotzdem immer weiter auf die Geschichte ein.
Als Leser fragt man sich zwangsläufig, ob sie die Situation tatsächlich unter Kontrolle hat.
Keine Katze weit und breit?
Wer wegen des deutschen Titels eine Katze als wichtiges Element der Handlung erwartet, wird übrigens überrascht sein.
Der Originaltitel lautet „Charley’s Web“ und passt wesentlich direkter zur Hauptfigur Charlotte „Charley“ Webb und zu dem Netz, in das sie zunehmend gerät.
„Die Katze“ ist dagegen der für den deutschen Markt gewählte Titel. Für die eigentliche Geschichte ist der Originaltitel unserer Meinung nach sogar treffender.
Typisch Joy Fielding
Wer bereits Bücher von Joy Fielding gelesen hat, wird vieles wiedererkennen. Sie interessiert sich weniger für klassische Polizeiarbeit als für Menschen, Beziehungen und die Frage, was sich hinter einer scheinbar normalen Fassade verbirgt.
Auch hier wird aus einer zunächst überschaubaren Situation Stück für Stück ein psychologisches Verwirrspiel.
Das Tempo ist dabei nicht durchgehend hoch. Gerade in der ersten Hälfte nimmt sich Fielding viel Zeit für ihre Figuren. Wer einen extrem schnellen Thriller sucht, muss deshalb etwas Geduld mitbringen.
Und dann will man doch wissen, wer dahintersteckt
Das ist gleichzeitig die große Stärke des Buches: Irgendwann hat Fielding einen an der Angel.
Die Zahl der Personen, denen man nicht mehr vollständig vertraut, wächst und mit jeder neuen Information verändert sich der eigene Verdacht.
Wir hatten beim Lesen mehrfach eine ziemlich klare Vorstellung davon, wohin die Geschichte führt – und mussten diese Theorie anschließend wieder über Bord werfen.
Genau so sollte ein Psychothriller funktionieren.
Nicht perfekt, aber verdammt unterhaltsam
Ganz perfekt ist „Die Katze“ für uns trotzdem nicht. Gerade am Anfang könnte die Geschichte etwas schneller auf den Punkt kommen und manche Nebenhandlung nimmt mehr Raum ein, als unbedingt nötig wäre.
Wer sich darauf einlässt, bekommt dafür einen Thriller, der seine Spannung nicht hauptsächlich aus Gewalt bezieht. Fielding arbeitet mit Misstrauen, Manipulation und der Angst, dass die Gefahr vielleicht viel näher ist, als Charley glaubt.
Und spätestens wenn man beginnt, wirklich jeder Figur zu misstrauen, funktioniert das Buch richtig gut.
Unsere Bewertung
Spannung: 8/10
Story: 8/10
Charaktere: 8/10
Überraschungen: 8/10
Lesefluss: 8/10
Szenenight-Wertung: 8/10
„Die Katze“ ist vor allem etwas für Leser, die ihre Thriller lieber psychologisch als blutig mögen. Joy Fielding braucht ein wenig Zeit, um ihre Figuren und die Geschichte aufzubauen. Hat sich das Netz um Charley aber erst einmal zusammengezogen, möchte man ziemlich dringend wissen, wer darin eigentlich die Katze und wer die Maus ist.






